Über das Ende der Worte – Metapher

Eines Tages ging der Mensch an einem Strand spazieren, in der Hand hielt er einen Bilderrahmen. Nach einer Weile blieb er stehen, hielt den inhaltslosen Bilderrahmen vor sich und sprach: „Alles, was innerhalb dieses Rahmens zu sehen ist, sei mir die Welt.“
Generationen vergingen, die Spuren der Zeit verwuchsen mit der Natur, doch der Rahmen blieb in dem Gedächtnis der Menschen. Ihre Sprache, ja selbst ihr Verständnis davon, entsprang dem Bild. Wohl geordnet, rechts und links, oben fern dem Unten, gefärbter Unterschied, und immer zu, geordnete Welt. Genauestens vermaß man die Abstände, nannte sich Experte und versprach einen Sinn zu finden. Die Menschen glaubten so sehr an den Inhalt des Rahmens, dass nach und nach die Welt außerhalb zu verblassen schien. Ihr Weltbild thronte weit oben in ihren Köpfen, eingerahmt in goldener Vollkommenheit. Längst hatte man die Sprachen, die Sitten, ja das komplette Leben angepasst. Jetzt, da die Welt wirklich geordnet war, rief das Verstehen nach dem Verständnis und erhielt Antwort: „Zweiundvierzig Einheiten, fünfunddreißig Grad von hier nach dort, Unbekanntes, du bist fort.“ Der Mensch wurde süchtig, nach dem Verstehen, nach dem Weg des Verstehens und nach der Antwort. Doch um so simpler die Fragen wurden, desto weniger Antworten fand man. Komplizierte Fragen vermaß man mit allen Mitteln der Kunst, man ebnete ihnen den Weg zur Antwort hin und stampfte sie, einmal gelöst, ins Verständnis ein.

Verstört erkannte man, dass Simples, ja Grundlegendes nicht mit Worten zu fassen war. Die Gedanken waren förmlich zu grob, um die zerbrechlichen Gebilde zu beschreiben und erst recht zu unsensibel, sie zu greifen. Was jetzt? fragten sich die Menschen, jetzt da wir keine Antwort finden. Da zerbrach der Bilderrahmen im ersten Kopf und jener Mensch fand die befreienden Worte: „Das ist das Ende der Worte. Wir suchen nach der Antwort in einem Raster, mit einem Raster. Unsere Gedanken haben wir nach unserer Sprache geformt, doch die Welt hat keine feste Form und unser Geist kennt keine Sprache.“ Da erkannten auch die Anderen, dass der Verstand viel mehr war. Dass Wissen nicht der Sprache bedarf, dass die Worte nur die Boten der Nachricht sind und nicht dessen Inhalt. Seit diesem Tag entdeckten die Menschen erneut die Welt, erfuhren Unbeschreibliches und wuchsen mit ihrer Erkenntnis. Die Sprache verweilt noch immer unter ihnen, nur hat sie über die Jahre stark an Bedeutung verloren.

Fortschritt ist. Braucht keinen Namen und kein Verständnis.

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~ von Paradiesstaub - 4 Dezember, 2008.

2 Antworten to “Über das Ende der Worte – Metapher”

  1. Wahrlich eine wunderschöne und zum Nachsinnen anregende Geschichte. Trifft den Nagel auf den Kopf. Genau so ist’s nämlich Heutzutage. Danke.

  2. Danke für diese schönen Worte. Weis man ob es sich jemals ändert?…

    noch was^^.. ich wünsche dir viel Erfolg auf dem Weg den du gehen willst. Ich werde immer aus der Distanz wissen was du tust.. und hinter dir stehen.

    Du bist ein wahrlich guter Freund.

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