Eine Blatt-Geschichte

Da sprach der Wind mit fester Stimme und sogleich lösten sich die Blätter vom Baum. Doch ein Blättchen sehnte sich zurück, sein Herz war so schwer und darum sank es schneller hinab. Da lag es nun, sah die Brüder und Schwestern hinweg fliegen und weinte bitterlich. „Ganz alleine bin ich hier. Verlassen hat mich mein Glück, mein Leben war, ein Einzel-Missgeschick“.

Der Abend nahte und die Kaninchen kamen aus ihren Höhlen. Eines hörte die tiefen Seufzer des Blattes und entschloss sich ihm zu helfen. „Kleines Blatt, du bist so schön, du bist so grün. Warum muss ich dich in Trauer sehen?“, fragte das Kaninchen. „Oh, ich liege hier am Boden, allein und fern von meinen Liebsten. Weit vom Baume und weit vom Glück, liege ich hier, welch Missgeschick“. Da hatte das Kaninchen Mitleid. Behutsam trug es das Blatt vor seinen Bau und sprach: „Ich weiß nicht, wo deine Liebsten sind, ob fern, ob nah, sind sie doch des Windes Kind. Bleib heute Nacht bei mir, am nächsten Morgen helfe ich dir“.

So blieb das Blatt vor dem Kaninchenbau und besah sich die Sterne am Himmel. „Ihr Sternlein in der Nacht, wie oft hat euer Licht Glück in mein Gesicht gebracht“. Da begann das Blatt die Augen zu schließen und hätte fast nicht bemerkt, wie ein Uhu neben ihm landete. „’Schuldigung“ sprach der Uhu leise: „Ich könnte dich tragen und, wer weiß, vielleicht finden wir dein Heim. Als Preis ich nenn‘ die Veränderung an dir, sie ist gering und kommt von mir“. „Du kannst mich tragen, siehst so weit, diesen Preis zu zahlen bin ich bereit“, sprach das Blatt und glänzte voller Freude in die Nacht, hatte doch dieser Tag, noch ein Wunder vollbracht. „Lass mich noch dem Kaninchen danken. Ohne ihn wäre ich verlassen noch dort am Boden und ganz allein. Es war so nett zu mir, ein Abschiedswort, ja dass muss sein“. So verabschiedete sich das Blatt von dem Kaninchen und war zu Tränen zutiefst gerührt, hatte es doch zuvor niemals solche Dankbarkeit verspürt.

Da sprach der Uhu: „Ein Löchlein hier, es ist ganz klein, soll nur zum Tragen für mich sein“. „Ich traue dir, leg meine Welt in deinen Schnabel, zahl das Geld. Trag‘ mich zu meinen Brüdern hin, damit ich wieder glücklich bin“ sprach das Blatt und sogleich verspürte es einen kleinen Pieckser.

Kaum hatte der Uhu das Blatt im Schnabel, erhob er sich in die Lüfte. Wieder verspürte des Blatt das Kribbeln der Luft, hörte die Stimme des Windes brausen und fühlte sich trotzdem geborgen, denn der Uhu war bei ihm.

Langsam glitt der Uhu in kreisenden Bahnen über das Land, schaute hier und spähte da, bis er schließlich einen Felsen sah. Dort unten glänzten im Mondeslicht hunderte Blätter grün und freuten sich. Alle leise sangen sie ein Lied auf ihre Reise, bedankten sich für den glücklichen Verlauf und dass der Baum bald schickt auch neues Laub.

„Hier sind deine Brüder und Schwestern“ sprach der Uhu. „Ich werde dich in ihre Mitte tragen. Verzeih mir noch, dass ich gelauscht, war ich doch von eurem Treiben so berauscht. Musste meine Neugier stillen, konnte nicht wider diesem Willen“. Da lachte das Blatt und sprach: „Mein Freund, es war nicht schlimm, siehe hier, wo ich jetzt bin. Fast zu Hause, nur dank dir. Mein Freund ich verzeihe dir.“

Da glitt der Uhu hinab, um genau in der Mitte, umgeben von all den funkelnden Geschwistern des Blattes zu landen. Behutsam lies er das Blatt zu Boden sinken, doch da das Blatt ein kleines Loch hatte und der Zufall es so wollte, fiel es genau auf einen Grashalm. „Sieh Uhu“, sprach das Blatt. „Nicht einmal der Wind kann mich jetzt noch fortreißen, denn dieser Grashalm passt auf mich auf“.

„Ja, so will es der Zufall, behütet seist du, ich muss jetzt fort“, sprach der Uhu. „Halt. Ich habe dir soviel zu verdanken, Uhu. Wie kann ich mich dir erkenntlich zeigen, sprich?“ Da überlegte der Uhu nur kurz und sagte mit fester Stimme: „Hilf einem Hilfesuchenden ohne zu zögern und nimm keinen Lohn, bitte ihn nur, einem Anderen zu helfen, so wie ich getan. Denn wenn ein Jeder auf die Anderen achtet, muss niemand Not erleiden“.

Die Augen des Blattes begannen zu funkeln und es sprach voller Dankbarkeit „Ja das werde ich auch, ich werde Anderen helfen und dafür keinen Lohn verlangen, und so wie du es mich gelehrt hast, so will ich es auch Anderen lehren, damit ein Jeder einem Jedem hilft, ohne Lohn.“

Da schwang sich der Uhu in die Luft und ward nicht mehr gesehen. Doch die Kinder seines Werkes konnten ihn alsbald sehr gut verstehen.

Und fällst du in ein Loch hinein, kommt ganz bestimmt ein Helferlein.

Euch allen ein frohes Fest und natürlich auch leuchtende Augen heute Abend beim Auspacken!!!

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~ von Paradiesstaub - 24 Dezember, 2008.

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